Wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen.    

                                                                                                                                                                                                          (Joh 5,24)

PREDIGTTEXT UND PREDIGT AM 05.04.2020

 

Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem,

kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl

auf sein Haupt.

 

Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können  und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für

mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

 

Markus 14,3-9

I.

Was für eine Geschichte in diesen Zeiten. Eine Geschichte von Berührung und Nähe in Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Mahnung zum Abstandhalten.

 

In Zeiten von „Corona“ wird die körperliche Zuwendung weniger, muss weniger werden, wenn die schnelle Verbreitung verlangsamt werden soll. Das versteht

man mit dem Kopf. Trotzdem ist es schwer: wenn man nicht mehr von den Kindern in den Arm genommen werden kann, weil die Besuche im Pflegeheim

eingeschränkt sind; wenn man nicht mehr den kranken Vater auf der Intensivstation besuchen kann; wenn selbst Seelsorgerinnen und Seelsorger aus

Verantwortung gegenüber dem Pflegepersonal keine Besuche auf den Stationen mehr machen.

Zuwendung, körperliche Zuwendung ist so lebens-notwendig. So erzählt es der Dichter Rainer Maria Rilke:

 

Er wohnte in Paris bei einer Freundin. Jeden Tag gingen sie in ein Café in die Stadt. Jedes Mal kamen sie an einer älteren Frau vorbei, die an der Straße saß und darauf wartete, dass die Vorbeigehenden ihr ein Geldstück in die kleine Schachtel vor ihr warfen. Viele gaben etwas, Rilke aber nicht.

 

Eines Tages fragte ihn seine Bekannte, warum er denn der Frau nie  etwas gab. Rilke gab zur Antwort:

 

Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.

 

Am nächsten Tag, als die beiden wieder bei der Bettlerin

vorbeikamen, legte Rilke eine kleine weiße Rose vor die alte Frau und wollte weitergehen. Da blickte die Bettlerin auf, roch an der aufgeblühten Rose, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon. Am nächsten Tag war die alte Frau nicht an ihrem Platz, auch am übernächsten Tag nicht. Erst nach ungefähr einer Woche saß die Bettlerin wieder an ihrem alten Platz. Die Bekannte fragte Rilke: „Wovon hat denn die alte Frau die ganze Zeit gelebt?“ Und Rilke

antwortete: „Von der Rose!“

 

II.

 

Menschen brauchen Zuwendung. Auch der Mensch Jesus. Eine Frau unterbricht einfach die Gesellschaft bei Tisch, tritt an den Gast Jesus heran und gießt

kostbarstes Öl über Jesu Haar.

Eigentlich eine wunderbare Zuwendung. Doch sofort entsteht Unwillen, zunächst über diese Tat und dann über die Frau, die dies getan hat. Ich kann die anderen Gäste gut verstehen. Nicht nur, dass diese Frau das schöne Alabastergefäß zerbricht, sondern auch, dass sie den Inhalt vollständig auf Jesu Kopf gießt. Der Wert des Nardenöls macht den Jahreslohn eines einfachen Arbeiters aus. Jeder rationale Mensch, hätte diese

Verschwendung wohl angeprangert: „Woanders hungern die Menschenund diese Frau wirft das Geld sinnlos zum Fenster hinaus.

 

Doch Jesus unterbricht die Schimpfenden. Er zeigt uns, warum die Frau mit dem Ausgießen des Ölein

gutes Werk getan hat. Jesus gibt drei Begründungen.

 

Erstens ist es ein gutes Werk, weil die Frau den richtigen Zeitpunkt erahnt und genutzt hat.

 

"Ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun, mich aber habt ihr nicht allezeit."

Die Frau hat offensichtlich verstanden: Jetzt ist

der Zeitpunkt, um an Jesus zu handeln. Sie schiebt ihre Tat nicht auf die lange Bank, sondern handelt, wenn

es nötig ist. Das ist das Wunderbare in diesen Zeiten: Dass Menschen erkennen, was nötig ist,  und sich nicht

wie vielleicht sonst– aus Angst vor Kritik und

Bedenkenträgern davon abhalten lassen. Politische Entscheidungen und Hilfsmaßnahmen gehen so schnell wie noch nie durch die Gremien; Kirchengemeinden gehen „online“, auch wenn dabei nicht alles

„Topqualität“ und bis ins Letzte ausgereift ist; Menschen singen von Balkonen ihren Nachbarn Mut zu 

auch ohne Gesangsausbildung; und endlich kann man auch wieder Freunde einfach so anrufenohne zu denken: „Die sind eh nicht da!“ Oder: „Hoffentlich störe ich nicht!

 

Jetzt ist die Zeit, zu tun, was dran ist. Die

namenlose Frau tut, was jetzt dran ist: Jesus zu salben. Jesus ist ihr wichtigund ihm will sie jetzt Gutes tun.

 

Die zweite Begründung ist in einer Nebenbemerkung Jesu versteckt: Sie hat getan, was sie konnte!

 

Ja, was konnte sie denn? Sie war 

so erzählen es die anderen Evangelien – eine

Prostituierte. Körperliche Nähe war ihr Geschäft. Und ihre Tat an Jesus ist eine ganz innige, ja fast intime Begegnung. Jesus am Haupt berühren, sein Haar mit

dem kostbaren Öl begießen, das drückt außer-gewöhnliche Nähe und Zuwendung aus. Vielleicht weiß sie sonst keine andere Möglichkeit, Jesus etwas Gutes zu

tun. Und Jesus lässt es geschehen.

 

Mir macht das Mut: Jesus verlangt nichts von mir, was meine Möglichkeiten übersteigt. Vielleicht verlangen dies Menschen von mir, doch Jesus weiß um meine Grenzen und will mich nicht überfordern. Ein italienischer Bischof hat kürzlich per Videobotschaft den Menschen, die

jetzt in den Krankenhäusern arbeiten, einen Auftrag gegeben: „Wenn ihr könnt, dann zeichnet den Sterbenden ein Kreuz auf die Stirn.“ Er hat dabei an gläubige Ärzte und Pfleger gedacht. Ob sie es tun? Ob sie sich das trauen? Im Evangelium heißt es, dass die Frau

unverfälschtes Öl dabei hatte. Echtheit und Ehrlichkeit ist im Umgang mit Jesus gefragt. Ich darf seinwie ich bin, ohne mich verstellen zu müssen. Wenn ich einen Sterbenden mit einem Kreuzzeichen segnen kann 

gut! Wenn ich ein Gebet sprechen kann – gut! Wenn ich über die Stirn streichle oder die Hand drücke 

auch gut! Doch echt soll es sein, wenn ich Jesus oder

meinen Mitmenschen Gutes tun will.

 

Die dritte und wichtigste Begründung bringt Jesus ganz zum Schluss: Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.

Im Orient wurde der Leichnam nach einer intensiven Reinigung einbalsamiert, bevor dieser dann in ein Felsengrab gelegt wurde. Diese Salbung war die

höchste Liebe und Ehre, die man einem Menschen erweisen konnte. Es ist in vielen Religionen wichtig, den Verstorbenen auch körperlich noch zu pflegen,

zu waschen, anzukleiden. Schlimm, wenn man das jetzt nicht mehr kann, weil die Gefahr der Infektion zu groß ist oder die gesetzlichen Regeln das verbieten.

Für die muslimischen Mitbürgern ist das in dieser Zeit schwer zu ertragen, dass sie dieses Ritual der Waschung nicht mehr vollziehen dürfen.

Kurz vor dem letzten Mahl Jesu geschieht diese Toten-Salbung des lebendigen Jesus.

Wohlohne es zu wissenhat die Frau Jesus zum messianischen König gesalbt. Eine Art König, ganz anders als sich ihn viele gewünscht oder vorgestellt hatten: Der für die Welt sichtbare Thron dieses Messias wird das Kreuz seinund seine Krone wird als Dornenkrone auf sein Haupt gesetzt. Jesus

wird nach diesem Mahl den Weg durch Leiden bis zum Sterben und Tod am Kreuz gehen.

 

Und so langsam fange ich an zu begreifen, wie groß das ist, was von der Frau getan wurde. So groß, dass man sich immer an sie erinnern soll, wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt.

 

Vielleicht hat dieses Liebeswerk der Frau Jesus die Kraft gegeben, den Weg ins Leiden zu gehen.

 

Ganz sicher aber ist dieses Liebeswerk ein Beispiel dafür, was Evangelium bedeutet: Nicht Worte zählen, nicht der erhobene Zeigefinger, der mahnt: Du musst, du solltest, als Christ tut man...! Sondern die Tat, die Liebestat zählt: die Liebestat, die den anderen sucht und dem anderen nahe kommt. Das ist Evangelium! Darum soll man immer von der Frau sprechen.

 

III.

 

Ich stelle mir vor, wie der Duft des Nardenöls den ganzen Raum erfüllt: den Raum, in dem Simon sitzt, der weiß, was Krankheit bedeutet; den Raum, in dem

die Jünger sitzen und es nach Angst riecht vor dem, was

nun auf Jesus, auf sie zukommt.

 

Ich stelle mir vor, wie der Duft im ganzen Haus verströmt und alle schlechten Gerüche von Krankheit und Angst vertreibt. Ich stelle mir vor, wie die Jünger

von diesem Duft eingehüllt werden und miteinander Verse des Psalms 23 anstimmen:

 

Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.

 

Ich stelle mir vorwie dieser Raum, wie meine Räume,

meine Wohnung von diesem wunderbaren Duft

eingehüllt werden, der ein wenig so wie Baldrian

riecht und die Nerven beruhigt.

 

Düfte tragen Erinnerungen.

 

Wer weiß, welche Erinnerung der Duft der Rose bei der Pariser Bettlerin ausgelöst hat. Es hat wohl gereicht, um sie daran zu erinnern, dass auch sie ein Mensch ist, der es wert ist, geliebt zu werden.

Der Duft dieses kostbaren Öls soll für immer die Erinnerung an Jesus und an diese Liebestat tragen.

 

Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt,

da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis.

Amen

Ihr Pfarrer Johannes Burgard

Andacht

An dieser Stelle finden Sie abwechselnd einen geistlichen Impuls

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